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›Das Erzählende in der Kleidung finden‹

Marc Freitag im Gespräch mit Jakob Knapp für eine Gesprächsreihe mit Mitgliedern des Bundes der Szenografen.

Vorschau: ›Das Erzählende in der Kleidung finden‹ — Marc Freitag im Gespräch mit Jakob Knapp. Herausgeber: Bund der Szenografen, April 2022.
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Jakob KnappWie kamst du zum Theater? Und was gefällt dir daran?

Marc Freitag — Ich kam 1995 in Hamburg zum Theater, wo ich gerade das erste Mal für eine Operettenproduktion im Schmidts Tivoli Kostüme anfertigte. Ich arbeitete damals freiberuflich für die Costume Company auf Kampnagel. Dort habe ich bewusst den Schritt, vom kommerziellen Serienprodukt der Mode kommend, hin zur individuellen, personen- oder rollenbezogenen Kleidung, also zum Kostüm gemacht. Hier war der Ort, an dem ich zum ersten Mal die Arbeiten von Stephan Dietrich gesehen habe. Mehr als 10 Jahre später habe ich ihn persönlich kennengelernt und ihm erst assistiert, später dann produktionsbedingt sein Atelier geleitet. Sein Umgang mit Materialien und Formen inspiriert mich bis heute.

Was mich antreibt ist, das Erzählende in der Kleidung zu finden, das Gestalten von Kleidung für den dramaturgischen Zweck. Mit jeder Produktion und jeder einzelnen Rolle, bzw. jedem Image, eröffnet sich eine neue Welt. Das ist, was mich in meiner Arbeit ausmacht.

JKDefinierst du für dich einen Unterschied zwischen bildender Kunst und der Szenografie?

MF — Ja. Bildene Künstler*innen im klassischen Sinne erschaffen eigenständige, für sich selbst sprechende Kunstwerke. Sie erzählen vom Prozess des/der Künstler*in, oft über Jahre hinweg. Der Arbeitsprozess der Szenografie ist in der Betrachtung des Ergebnisses erst einmal nachrangig. Wichtig ist vielmehr das Zusammenspiel von Regie und Darstellung, die die von mir gestaltete Fläche belebt.

JKWelche Funktion hat für dich ein Kostümbild, wovon gehst du aus?

MF — Die narrative Möglichkeit von Kleidung bildet bei mir die Grundlage der Kreation von Kostümen. Obwohl Muster, Botschaften und Codes vom Publikum teilweise nur passiv wahrgenommen werden, möchte ich diese wichtigen Zeichen nicht unterschätzen oder gar vernachlässigen. Ich spiele mit der Wahrnehmung des Publikums, in dem ich es leite oder täusche, Spannungen aufbaue oder es zum Nachdenken anrege.

JKGibt es künstlerische Fragen, die dich besonders interessieren?

MF — Die Welt ist durch die Augen der Kunst per se spannend. Mich interessiert es, offen und neugierig zu sein, ein Thema in all seiner Mehrdimensionalität zu erfassen. Ich betrachte es als eine Begegnung, bei der ich in die „Seele“ der Geschichte sehen kann, um sie dann, mit meiner eigenen Gestaltung zusammen zu fassen.

JKBeeinflusst du durch deine Bilder die Ideen der Regie und die Spielweise der Darsteller*innen? Oder soll ein Kostümbild eher dazu dienen, der Intention der Regie eine Form zu geben?

MF — Natürlich beeinflusse ich deren Arbeit. Ich inspiriere und erweitere ihre Sehgewohnheiten. Schließlich hat das Kostümbild die Möglichkeit, der Inszenierung zusätzlich Tiefe und Vokabular zu verschaffen.

JKWelche Rolle spielt für dich die Werktreue und was verstehst du darunter?

MF — Wichtig ist mir, mich dem Werk unvoreingenommen zu nähern, eine Verbindung aufzubauen. Der Umgang mit Änderungen und Bearbeitungen bleibt für mich spannend bis zur Premiere. Ich erweitere den Blickwinkel, indem ich mich frage, wie würde ich oder wie würde ein/e andere/r damals oder heute darauf schauen. Mich interessiert das „Warum gibt es diese Geschichte“ und was berührt sie in mir.

JKKannst du etwas dazu sagen, wie deine ersten Ideen entstehen?

MF — Nach den ersten Recherchen entsteht eine Stimmung, der ich nachgehe und sie auf ihre Essenz reduziere. Sie bildet dann den Ausgangspunkt für die Gestaltung und das Design. Es kann eine Farbe sein, mit ihrem Komplementär, eine geometrische Form, eine Struktur, ein Alltagsgegenstand, wie zum Beispiel ein Absperr-Flatterband mit ikonischer Musterung. Hier beginnt für mich die eigentliche Reise! Die Welt in einer Nussschale …

JKDu erwähnst gerade das Flatterband. Kannst du anhand eines solchen Aufhängers vielleicht weitere Einblicke geben wie sich eine Form entwickelt?

MF — Ich schaue auf das Flatterband, es besteht aus zwei Kontrastfarben. Ich entdecke dramaturgisch zwei Parteien. Wenn ich das Band mehrfach nebeneinander lege, entsteht durch die Reihung ein Muster. Weitere Assoziation zu Kunstformen, historischen Bilderwelten gliedern sich an (wie zum Beispiel die typisch geteilten Mi-Parti-Muster der Renaissance). So reduziert auf die kleinste mögliche Einheit, entwickle ich von dort aus durch nuanciertes Spielen, mein Kostümkonzept.

JKIst dir der Einklang zwischen deiner Idee als Kostümbildner und den Bedürfnissen der Darsteller*innen wichtig?

MF — Im Bezug auf das vorgeschlagene Kostüm möchte ich Wünsche und Ängste der Darsteller*innen mit einbeziehen. Die Gestaltung sollte für mich möglichst nicht ohne den/die Träger*in statt finden.

JKWas schätzt du an der Arbeit im Team?

MF — Ich schätze die Begegnung auf Augenhöhe im Austausch mit Regie, Bühne, Dramaturgie und Ensemble. Mein Kostümbild und die damit verbundenen Fragen, werden sorgfältig besprochen und ausprobiert. Die Bühne verstehe ich als Ausstellungsraum. Alles, was ich auf die Bühne bringe, ist von Bedeutung. So auch die Kleidung!

JKMusst du die Gedanken eines/r Regisseur*in verstehen, um arbeiten zu können?

MF — Ja, absolut!

JKWie gehst du mit den Bildideen der Regie um? Bereichernd? Inspirierend? Richtungsgebend?

MF — Mir ist es wichtig, die Bilder der Regie zu kennen. So kann ich prüfen, ob es Schnittstellen zu eigenen Ideen gibt und diese meinen eigenen dramaturgischen Ansätzen entsprechen. Ich lasse mich gerne durch mein Gegenüber inspirieren, um gewohnte Denkmuster zu vermeiden.

JKDein Statement zum Thema Kompromiss?

MF — Der Kompromiss ist der Schlüssel im Dialog.

JKKannst du eine Zusammenarbeit mit einem/er Regisseur*in etwas genauer beschreiben?

MF — Meine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Patrick Wengeroth begann 2014 an der Schaubühne in Berlin. Hier gab ich dem Format Wengenroths Autorenklub das jeweilige Kostümbild. Das besondere an diesem Format, war die Personenfindung rund um einen Autor, dessen Stück an der Schaubühne gerade Premiere hatte. Die Inszenierung war wie eine Talk-Show konzipiert, in der sich, meistens fiktiv, Gäste zusammentrafen.

Hier ein Beispiel zu einer Inszenierung – die Rollen: Christa Wolf (Patrick Wengenroth), junge Christa Wolf (Iris Becher), Fitness-Proll (Mark Waschke), Gerhard Wolf (Ulli Hoppe), Cassandra Conchita Wurst (Bernardo Arias Porras). All diese Figuren treffen aufeinander und geben Einblicke in die Themen und Gedanken des Autors/der Autorin oder stehen diesen konträr gegenüber. Hier war es meine Aufgabe, Figuren zu erschaffen, mit all ihren Wiedererkennungsmerkmalen.

Das Besondere in der Zusammenarbeit mit Patrick Wengenroth ist das gegenseitige Vertrauen und die Liebe zu intensiver Recherche. Wir machen uns assoziative Vorschläge und erarbeiten Phantasien zu den jeweiligen Themen.

Ein anderes Beispiel ist unsere Produktion Gundermann — Männer, Frauen und Maschinen am Mecklenburgischen Staatstheater. Hier haben wir lange gemeinsam überlegt, wie wir eine musikalische Reise durch das Leben Gundermanns bebildern und uns der Figur nähern, ohne eine Wiederholung von cineastischen Vorbildern zu erzeugen. Wir entschieden uns, Figuren zu entwerfen, die ikonografisch sein sollten. Statt einem Gundermann gibt es drei, die jeweils eine Lebensstufe repräsentieren: Der junge, rebellische; der politisch zerrissene und der ernüchterte, melancholische Gundermann. Ihm gegenüber seine Frau Conny, einmal als zurückgenommene, stützende Ehefrau und einmal als emanzipierte Künstlerin. Weitere Figuren sind ein Kohle-Engel, das Gewissen, Gundermanns Großmutter in ihrer sorbischen Hochzeitstracht. So können die Figuren auf der Bühne all die schwierigen Fragen und die Kontroversen verhandeln, wobei sie sich nur untereinander rechtfertigen, niemand wertet konkret von außen.

Für das Kostümbild habe ich die Farben und Formen aus mehreren Ebenen entwickelt. Das Fleischerhemd, mit dem Gundermann oft auftrat, gehörte zum Nachlass seines Vaters. Es ist blau-weiß gestreift und findet in vielen Handwerksberufen Verwendung, so auch im Bergbau. Blau-weiß ist dann der Tenor geworden, der sich durch alle Kleidungstücke gezogen hat. Die Kostüme der Musiker, als futuristisch sozialistische Band, die Gundermänner, in ihren „Arbeitskleidern“, die Frauen, inspiriert durch die, für eine sozialistische Welt gestaltete Modefotografie, in idealisierten Schnittformen. Selbst die sorbische Tracht folgt dem Farbkanon und wird aus dem Originalen herausgehoben und steht so mehr allgemein für überliefertes Brauchtum.

JKWie wichtig ist dir die künstlerische Gleichberechtigung im Team und siehst du sie im Arbeitsalltag realisiert?

MF — Was bedeutet Gleichberechtigung? Mein Arbeitsauftrag ist klar vorgegeben. Ich zeichne mich verantwortlich für die Ausstattung. Letztendlich verbleibt mir die Realisation. Eine Degradierung auf künstlerischer Ebene findet nur dann statt, wenn wir als reine Zulieferer*innen verstanden werden.

JKWie ist deine Erfahrung? Steht der zeitliche und praktische Anspruch der Regisseur*innen an dich in einem guten Verhältnis zu den Möglichkeiten des Hauses oder deinem Honorar?

MF — Diese Fragen stellen sich jedes Mal neu und müssen, soweit möglich, im Vorfeld geklärt werden. Dazu braucht es eine längere Berufserfahrung und Netzwerke, um sich gegenseitig auszutauschen und zu beraten.

JKWie erarbeitest du deine Kostümbilder und wie vermittelst du deine Idee an Team und Werkstätten und für wie wichtig hältst du eine gute Präsentation deiner Ideen?

MF — Ich gestalte sogenannte Moodboards, in denen ich meine Inspirationen zusammen fasse und die meinen Ansatz für die Entwürfe vermitteln. Dazu kommen die daraus resultierenden Entwurfszeichnungen und Figurinen und Hinweise auf Materialien und Stoffe, die ich gerne verwenden will. Eine gute Präsentation motiviert nicht nur, sondern erzeugt auch Gegenfragen. Diese dienen weiteren Überlegungen zur technischen Umsetzung und Realisierung.

JKDeine Ideen gehen oft über die Möglichkeiten von Werkstätten hinaus – was ist hier deine Lösung, um zu einem guten gemeinsamen Ergebnis zu kommen?

MF — Ich habe in der Vergangenheit viele Anfertigungen für Theater und Filmproduktionen gemacht. Daher kenne ich Situationen, wo die Herstellung und Umsetzung von Entwürfen kompliziert war. Hier hilft mir natürlich einerseits die Ausbildung in Schnitt und Fertigung, als auch die Routine. Ich selbst musste auch oft neue Strategien entwickeln und mich von klassischen Methoden entfernen. Dadurch bleibt mein Denken unkonventionell — hoffentlich!

Ich bringe häufig schon Vorschläge zur Umsetzung mit in die Werkstätten, lasse mich aber auch gerne vom Wissen der Anderen überzeugen. Oft gibt es dort auch für mich noch viel zu lernen. Sollte es dennoch zu komplex sein, nehme ich gerne selber das Werkzeug in die Hand oder setze mich an die entsprechende Maschine.

JKWie flexibel willst du sein, wenn es um Änderungen deines Bildes während der Proben geht?

MF — Wenn es Sinn macht, flexibel.

JKFindest du Empathie wichtig für deine Arbeit?

MF — Empathie ist sehr wichtig, genauso wie eine eigene kritische Wahrnehmung und ein reflektiertes Denken.

JKIst der Anteil der Szenografie an der Konzeption einer Produktion deiner Meinung nach ausreichend in der Öffentlichkeit bekannt?

MF — Zur Realisierung eines Kostümbildes braucht es künstlerische, handwerkliche und organisatorische Kompetenzen, sowie ein Interesse an anderen Kunstformen und dem Zeitgeist. Ich wünschte mir mehr öffentliche Darstellung und Information über die Ausstattung im Theater.

JKWird die Ästhetik eines Theaterabends Deiner Meinung nach ausreichend in der Kritik berücksichtigt?

Friedrich Luft mit Schreibmaschine in seiner Wohnung am Berliner Nollendorfplatz, 1985. (Foto: Anaurath, 1985, CC BY-SA 4.0)
Friedrich Luft mit Schreibmaschine in seiner Wohnung am Berliner Nollendorfplatz, 1985. (Foto: Anaurath, 1985, CC BY-SA 4.0)

MF — Ausreichend wohl kaum, da selbst den Kritiker*innen, meines Erachtens nach, häufig das nötige Hintergrundwissen oder Interesse um die Bedeutung von Kostüm und Bühne fehlt. In der Vergangenheit war das anders. Ich errinnere mich gerne an die Kritiken von Friedrich Luft.

JKWas könnten aus deiner Sicht interessante journalistische Fragen sein?

MF — Ein/e Journalist*in könnte mich gerne nach den Inspirationen und Geschichten fragen, denen ich während meiner Recherchen begegne. Sie machen den großen Teil aus, warum ich mich für eine bestimmte Form, ein bestimmtes Farbkonzept oder Material entscheide. Vielleicht entfaltet sich der Blick auf eine Inszenierung dann noch mehr. Im besten Falle vermittelt sich, wie wir als Kostümschaffende dramaturgische Zusammenhänge schaffen und sie verstärken.

JKSprichst du über Geld?

MF — Ja, ich spreche über Geld mit vertrauten Kollegen*innen auf Augenhöhe, es darf dabei nicht um Konkurrenz gehen, sondern um die korrekte Bezahlung einer qualifizierten Arbeit! Dass die Honorare sich unterscheiden, je nach Ort und Land und auch nach Renommee, ist in jedem Berufszweig üblich. Jedoch sollte es eine Mindestvergütung auch bei den Freischaffenden geben.

JKWürdest du diesen Beruf wieder wählen, wenn du noch einmal von vorne anfangen könntest?

MF — Ja. Es erfüllt mich tief und macht mich glücklich, wenn meine Visionen lebendig werden.

JKWir danken dir für das Gespräch!


Portraitfoto: Jörg Preisendörfer, 2020.


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